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Bäuerin sein und sich selbst dabei nicht vergessen

Christina Huber ist die jüngste Bezirksbäuerin Österreichs und will in ihrer Funktion Sprachrohr für die Landwirtschaft sein sowie ein positives Bild der Bäuerinnen und Bauern nach außen hin vermitteln.
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© LKO/Markus Beeren
Vor rund zehn Jahren ist die heute 30-Jährige auf den Hof ihres Mannes in Feldkirchen bei Mattighofen (OÖ) an der Grenze zum Flachgau gekommen. Als Tochter einer Landwirtefamilie hat sie sich von Anfang an in ihrer Rolle als Bäuerin wohlgefühlt. Die gelernte Floristin ist seit 10. Jänner 2017 Bezirksbäuerin von Braunau und lebt ihre Kreativität nun in ihrem neu eingerichteten Hofladen aus. Christina verarbeitet einen kleinen Teil der Milch von den eigenen Kühen etwa zu Natur- und Fruchtjoghurt, Würfelkäse und Topfenbällchen - die in Öl eingelegt werden - oder zu Topfen, Butter und Fruchtmolke. "Wenn man sich etwas Eigenes schafft, ist das was ganz Besonderes, dass die Frauen auf ihren Höfen ruhig ausleben sollten", motiviert die Jungbäuerin ihre Kolleginnen, sich auch in der Politik und Gesellschaft zu engagieren.

Es sei wichtig, dass sich Frauen mehrt (zu)trauen

Bevor Christina zur Bezirksbäuerin gewählt wurde, hatte sie ein Jahr lang das Amt der stellvertretenden Ortsbäuerin inne, das sie auch heute noch ausübt. "Man darf bei einer Funktion nicht immer gleich nein sagen, sondern muss offen und neugierig sein und sich auf etwas einlassen. Auch wenn das Ehrenamt einiges an Zeit kostet, bekommt man am Ende wieder ganz viel zurück und das ist schon klass", berichtet die aufgeschlossene Bäuerin von ihren Erfahrungen. Es sei wichtig, dass sich Frauen mehrt (zu)trauen und sich in den verschiedenen Verbänden und Organisationen einbringen. Mit dem "ZAMm unterwegs"-Zertifikatslehrgang - eine Initiative der ARGE Bäuerinnen, des Ländlichen Fortbildungsinstituts (LFI) und des Landwirtschaftsministeriums - den Christina im Mai 2018 abgeschlossen hat, werde hierfür ein "guter Grundstein" gelegt.
"Der Lehrgang ist eine tolle Möglichkeit für Frauen in leitenden, öffentlichen Funktionen oder die sich für eine solche interessieren, mehr über sich selbst und wie man auf andere wirkt zu erfahren", kann Christina den Lehrgang nur weiterempfehlen. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihr etwa Lehrinhalte über Kommunikation, darüber wie man sich präsentiert oder über die richtige Begrüßungsreihenfolge bei einer Veranstaltung. Auch die Übung von Interviewsituationen und die anschließende Videoanalyse hätten ihr sehr viel gebracht. "Es war toll in diese Richtung geschult zu werden und vermittelt zu bekommen, was man besser machen kann, weil einem das selber ja gar nicht bewusst ist."

Mehr Frauen in landwirtschaftlichen Gremien

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© LKO/Markus Beeren
Christina findet es gut, dass Frauen in den häufig von Männern dominierten landwirtschaftlichen Gremien vertreten sind. "Frauen bringen neue Perspektiven und Meinungen ein, und ihre anderen Blickwinkel regen zum Nachdenken an", hofft die Jungbäuerin auf die im April 2017 am Bundesbäuerinnentag in Alpbach ins Leben gerufene Charta, mit der eine Frauenquote von 30% in Nominierungsprozessen für Führungsfunktionen in den heimischen Landwirtschaftskammern angestrebt wird. Die Charta soll aber auch von anderen landwirtschaftlichen Organisationen und Gremien des ländlichen Raumes übernommen werden. Abgeneigt ist Christina vor weiterer Vertretungsarbeit nicht: "Schauen wir, was die Zeit bringt und inwieweit man es dann zeitlich noch managen kann. Ich sage einmal ausgeschlossen ist nichts."

Frauen opfern sich oftmals für alle anderen auf

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© LKO/Markus Beeren
Es steckt schon eine gute Einteilung dahinter, dass neben Familie mit den beiden Schulkindern Emily (11) und Janik (6) sowie Haushalt, Stallarbeit und Direktvermarktung noch ausreichend Zeit für die Funktion bleibt. Falls Christina zu einem Termin oder einer Veranstaltung muss, hilft ihr Mann aus und auch auf ihre Schwiegereltern, die gleich nebenan wohnen, kann sie sich verlassen. Sonst ist das Melken der 35 Kühe aber ihre Aufgabe und bis samstags müssen auch die Milchprodukte für den Verkauf fertig sein. "Ich schätze die Vielfältigkeit am Bäuerinnendasein und auch die Arbeit mit der Natur im Kreislauf der Jahreszeiten ist etwas ganz Besonderes", sagt Christina. Entscheidend für sie ist aber, dass ausreichend Zeit für die Familie bleibt und vor allem auch für sich selbst. "Frauen vergessen immer ganz gern auf sich, dabei ist es aber ganz, ganz wichtig, dass man Zeit nur für sich und zum Energietanken hat. Da sind wir Frauen leider sehr gefährdet, dass wir uns zuerst für alle anderen aufopfern", motiviert Christina gleichzeitig zu einer positiven Lebenseinstellung. "Mit Optimismus und Freundlichkeit arbeitet und lebt es sich einfacher, man kommt bei den Leuten besser an und bekommt das auch wieder retour", lacht Christina herzlich, die sich ihr Lebensmotto "ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag" zum Ziel gesetzt hat.

"Einkaufen bei mir im Hofladen ist ein richtiges Gefühl"

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© LKO/Markus Beeren
Das merken auch ihre Kunden, die Wege von 20 min bis zu einer halben Stunde in Kauf nehmen und extra nur wegen ihrer Produkte kommen. "Einkaufen bei mir im Hofladen ist ein richtiges Gefühl. Ich verkaufe sozusagen ein ganzes Paket", sagt die Jungbäuerin, der der persönliche Kontakt ein wichtiges Anliegen ist. Die Kunden sehen etwa wie die Tiere am Betrieb leben, wie es am Hof ausschaut und sie können immer alles fragen. "Die Direktvermarktung ist mein kleiner Schatz und mein Reich. Das freut mich schon sehr", ist Christina glücklich mit der Vermarktung ihrer Erzeugnisse, die sie nur auf Vorbestellung produziert. Von den Konsumenten "es ist ein schreckliches Wort, aber es wird halt immer verwendet" wünscht sich Christina mehr Verständnis für die Landwirtschaft, und dass sie Sachen verstärkt hinterfragen. "Es werden viele Themen auf emotionaler Ebene diskutiert, dabei kann jeder direkt bei den Landwirten nachfragen, die einem sagen warum und wieso etwas auf diese Art und Weise gemacht wird", rät Christina. Passende Rahmenbedingungen für die landwirtschaftlichen Betriebe seien allerdings Voraussetzung, damit die Höfe lebenswert und vor allem auch wirtschaftlich bleiben.