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Die wundersame Schafvermehrung

Julia und Alexander Elpons haben einander an der Boku kennengelernt. Aus Sympathie wurde Liebe - ihr gemeinsames Ziel: „Wir wollen einen Bauernhof führen.“ Mit fünf Schafen haben sich die beiden vor elf Jahren selbstständig gemacht. Mittlerweile führen sie eine Herde mit 130 Muttertieren.
„Ein paar Lammwürstel bitte!“ Der Kunde, der an einem Wochentag um die Mittagszeit in Julia Elpons’ Küche hereinplatzt, wird freundlich willkommen geheißen, obwohl am Tisch der betriebliche Mitarbeiter Florian und sein Besuch aus Wien ge­rade zum Essen eingeladen sind und der Reporter der Bauern­Zeitung einen Kaffee bekommt. Zudem beklagt Tochter Friede­rike (5½) gerade einen Rempler ihres Bruders Ludwig (8), der eigentlich seine Schulaufgabe machen sollte – der „ganz nor­male“ Familientrubel also, den so manche Bäuerin gut aus ei­genem Erleben kennt und der bisweilen auch die Nerven strapaziert.

Das habe ich mir so gewünscht

Die Situation löst sich auf. Frie­da bekommt einige Trostworte, Ludwig, der Kunde und der Re­porter kommen mit über den Hof in den Direktvermarktungs­raum, und die Gäste können inzwischen in Ruhe fertig essen. „Das ist das Leben auf dem Land, das habe ich mir so ge­wünscht“, meint Julia. „Ich woll­te immer einen Bauern“, erinnert sich die aus der Stadt Wels in Oberösterreich stammende nunmehrige Bäuerin zurück an ihre Studienzeit als Land­schaftsplanerin. In einem Se­minar über Permakultur lernte sie den aus Lieboch stammen­den Steirer Alexander kennen, der sich sein Studium der Fach­richtung Ökologische Landwirt­schaft während der Ferien als Rinderhirte auf Almen in Ös­terreich, in der Schweiz und sogar auch in Norwegen finan­zierte. Bald wurde Julia auch hier Alexanders Begleiterin. Nach abgeschlossenem Studi­um heuerten die beiden Diplom­ingenieure als Angestellte an, Julia bei der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik, Alexander bei der Aus­tria Bio Garantie als Kontrollor. Julia: „Wir kennen auch das Le­ben in der Stadt, aber bei uns blieb die Sehnsucht immer wach, selbst einen Hof zu füh­ren.“ Die Chance dazu bot sich auf dem kleinen Anwesen, das Alexanders Eltern in Bildein im Südburgenland erworben hat­ten. Sie waren dorthin aus der Steiermark aus gesundheitli­chen Gründen umgezogen. Und weil zu der Liegenschaft auch etwas Grünland gehörte, kamen Alexander und Julia auf den Gedanken, dort ihre Vorstellun­gen vom „Bauer sein“ zu verwirk­lichen.

Zuerst den Stall und dann das Haus gebaut

„Wir haben zuerst den Stall und dann das Haus gebaut“, berich­tet Julia von dieser Zeit, die nun etwa elf Jahre zurückliegt. Die finanziellen Mittel des Paares reichten zu Beginn gerade für fünf Krainer Steinschafe und einen Ford 3000 Super Dexta, Baujahr 1963, 46 PS, ohne Ver­deck. Gemäß dem Leitsatz „aus eigener Kraft wachsen“ wollten Julia und Alexander zudem kein Finanzierungswagnis eingehen. Das hört sich edel an, aber prak­tisch ohne Geld zu starten, be­darf einiger Zuversicht. All ihre Entscheidungen trafen Julia und Alexander mit Weit­blick. „Bauer sein“ ist für die Elpons’ gleichbedeutend mit Tierhaltung – somit kamen sie auf das Krainer Steinschaf, das im Öpul als Gefährdete Nutz­tierrasse eingestuft ist und das als asaisonaler Milch-­ und Fleischtyp mehrere Nutzungs­möglichkeiten bietet (Infos: www.kreinersteinschaf.at). Ver­markten wollten sie direkt an die Endkunden und zunächst vor allem das Fleisch der Tiere. Dass sie den Betrieb „Bio“ füh­ren, stand von vornherein fest.

Es waren nur die Restln zu bekommen

Blieb noch die Sache mit der Flächengrundlage. Arrondierte, schöne Grünlandflächen waren für die Elpons nicht zu bekom­men, und sie hätten die Pacht wohl auch nicht aufbringen können. Julia: „Was wir gekriegt haben, waren die Restln“ – sprich Randflächen, Streuobst­wiesen, Raine und sonstige Restflächen. Wie sich bald he­rausstellte, waren diese aber in erstaunlichem Umfang verfüg­bar. Damit konnten die Elpons starten, wenn auch mit erheb­lichem Arbeitsaufwand. Denn Herrichten, Zäunen, Wasser bereitstellen, der Umtrieb der Tiere und die Nachbearbeitung der Weideflächen sind bis heu­te die regelmäßig zu bewälti­genden Aufgaben. Das Konzept hat sich bewährt, derzeit bewirt­schaften die Elpons 70 Hektar bei 90 Prozent Pachtanteil. Zu­dem gibt es eine Zusammenar­beit in puncto Landschaftspflege mit dem südburgenländi­schen Naturpark „Weinidylle“. Mit den Flächen wuchs auch die Herde, es konnten Stallgebäude und Wohnhaus errichtet wer­den. Die Kinder Frieda und Ludwig komplettierten die Fa­milie. Während der Kunde seine Lammwürstel bekommt, erläu­tert Julia auch noch, dass die Tiere am Hof geschlachtet wer­den. Das handwerkliche Können für den monatlichen Schlacht-­ und Zerlegetermin haben sich Julia und Alexander abgeschaut bzw. selbst angeeignet. Die Dienste eines Fleischers neh­men sie für die Wurst und Schin­kenfertigung in Anspruch – vor allem deswegen, weil die Pro­dukte ohne Fremdfett und ohne (!) Pökelsalze hergestellt werden, was besondere Erfahrung ver­langt.

Alles vom eigenen Hof und alles selbst gemacht

Zur Vermarktung stellt Julia fest, dass die Nachfrage „derzeit aus­reichend“ sei und man auf zu­sätzliche Werbung derzeit ver­zichte. Am wichtigsten seien die betriebseigene Internetseite sowie ein regelmäßiger News­letter für die Stammkunden. Einmal im Monat macht sich Alexander auf zur Zustelltour nach Wien. Bestellungen ab 70 Euro liefert er frei Haus. Etwa zwei Drittel der Vermarktung erfolgen auf diesem Weg. Den Weg auf den Hof nach Bildein findet nur ein kleinerer Teil der Kunden. Für die Mühe der An­fahrt entschädigen aber gewiss das freundliche Willkommen und der Erfahrungsaustausch mit Julia Elpons. Inzwischen ist auch Ehemann Alexander von der Weidepflege zurück. Nachdem er Sohn Lud­wig die Schulaufgaben nahege­legt und sich für ein Familien­foto umgezogen hat, gibt es an diesem Tag auch für ihn die mit Lammfleisch gefüllten Paprika, Kartoffeln und Paradeissoße. „Alles vom eigenen Hof und selbst gemacht“, stellt Julia El­pons dazu liebevoll fest.

Direktvermarktung in Zahlen

Direkt ab Hof – für die Bauern in Österreich hat der Verkauf direkt an die Konsumenten einen hohen Stellenwert. Das gilt insbesondere für die rund 13 Prozent aller heimischen Landwirte, die sich professionell diesem Vermarktungszweig widmen und damit mehr als die Hälfte ihres Einkommens erzielen.
Wichtigste Ab Hof-Produkte sind Fleisch und Fleischerzeugnisse (40 % der Direktvermarkter), gefolgt von Milchprodukten sowie Wein, Eiern und Obst. Besonderen Ansporn gibt den Direktvermarktern die stetig wachsende Nachfrage seitens der Konsumenten.

Informationen zur bäuerlichen Direktvermarktung gibt es unter der Internetadresse
www.chance-direktvermarktung.at.

Vermarktung mit Zertifikat

Zertifikatslehrgang Direktvermarktung – das Ländliche Fortbildungsinstitut (LFI) bietet aktiven und neueinsteigenden Direktvermarktern die Möglichkeit, sich professionell zu qualifizieren. Rechtliche Grundlagen, Marketing, Persönlichkeitsbildung und ein Konzept für den eigenen Betrieb sind die wesentlichen Inhalte des Lehrgangs.

Infos:
Tel. 0662/641 248 334,
Internet: https://sbg.lfi.at/

Weiters bietet das LFI während der Bildungssaison laufend spezielle Kurse für Direktvermarkter, wie z. B. über Wintergemüseküche, Hygieneregeln, Erfolgreich verkaufen, Christmas spezial ....
Am besten wählen Sie selbst aus – im Internet unter https://oe.lfi.at mit dem Suchwort „Direktvermarktung“. Auf der LFI-Seite ist zudem der Einstieg in die Online-Kurse „Hygieneschulung“ und „Allergen-information“ möglich.