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Wenn Frauen einander unterstützen, sind sie stark

„Inhalte zu bringen, ist mir sehr wichtig.“ Das betonte Maria Patek in einem Interview, das sie lange vor ihrer Bestellung als Bundesministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus gegeben hat. Wir haben nachgefragt, wie weit diese Aussage auch für ihre interimistische Ressortführung gilt./ Interview: Bernhard Weber
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© Foto: BMNT/Paul Gruber / Interims-Landwirtschaftsministerin Maria Patek im Gespräch mit der BauernZeitung: „Als Naturwissenschaftlerin entscheide ich gerne faktenbasiert.“
BauernZeitung: Waren Sie überrascht, als Sie gebeten wurden, das Ministeramt im BMNT zu übernehmen?
Patek: Ja sehr. Ich kam gerade von einem Konzert im Wiener Musikverein nach Hause, als plötzlich der Anruf aus der Präsidentschaftskanzlei kam. Ich hab nicht gewusst, was ich sagen sollte. Tags darauf war ich zum Gespräch mit der designierten Kanzlerin Brigitte Bierlein und dem Bundespräsidenten eingeladen, mit diesem Gespräch war der Weg für mich klar.
Anders als üblich ist Ihre Amtszeit absehbar auf wenige Monate bis Spätherbst beschränkt. Womit wollen Sie dennoch als Interims-Ministerin punkten?
Meine Aufgabe ist es, das Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus weiterzuführen. Die Expertenregierung hat sich selber Regeln auferlegt, etwa auf der persönlichen Ebene bescheiden aufzutreten. Punkten will ich daher maximal mit einer professionellen Arbeit.

„Wir müssen jungen Mädchen Mut machen“

Sie entstammen einer kinderreichen Bauernfamilie aus der Obersteiermark, haben Forstwirtschaft studiert und später in der Männerdomäne Wildbachund Lawinenverbauung Karriere gemacht. Sehen Sie sich als Vorbild für eine junge Frauengeneration am Land?
Wir waren daheim vier Mädels und fünf Burschen und haben nie verspürt, dass unsere Eltern Unterschiede gemacht hätten. Sie wollten uns allen die bestmögliche Ausbildung ermöglichen, auch uns Mädchen. Die Studienwahl der Forstwirtschaft war meine Entscheidung, ohne Widerspruch oder gar Abraten der Eltern. Dass die Forstwirtschaft eher eine Männerdomäne sei, habe ich erst auf der Uni mitbekommen und später bei der Jobsuche gemerkt, die relativ schwierig war. Deshalb habe ich in der Wildbach- und Lawinenverbauung begonnen. Natürlich wurde dort getestet, ob ich etwas kann, aber das werden Männer auch.
Warum sind Frauen in agrarischen Funktionen und Institutionen unterrepräsentiert?
Weil viele Frauen wertvolle Arbeiten machen, die nicht so sichtbar sind. Und die meisten stellen sich einfach nicht gerne in die Öffentlichkeit. Daher müssen wir Frauen noch mehr ermuntern, ihr Tun auch nach außen hin zu zeigen. Männer sind da oft weniger gehemmt.
Sie waren im Landwirtschaftsministerium, damals noch in der Abteilung, „Gender Mainstreaming Beauftragte”. War Ihre überraschende Bestellung die logische Folge daraus?
Die von Ihnen angesprochene Funktion hat mir viel gebracht: Ich habe so das gesamte Haus kennenlernen können, mit allen Sektionen zusammengearbeitet und so einen wirklich guten Überblick über das Ministerium einander unterstützen, sind wir auch stark.
Braucht es zwischen Bauern und Bäuerinnen mehr Gleichstellung?
Ich denke, dass in Österreich die Bäuerinnen ziemlich das Heft in der Hand haben. Die Frauen managen sehr viel auf den Betrieben. Es gibt immer mehr Betriebsführerinnen – und das nicht wegen der Pensionsregelung. Auch meine Nichte hat soeben den Hof übernommen, ebenfalls eine sehr fähige junge Bäuerin, die nicht so gerne in der Öffentlichkeit steht. Es braucht vermutlich nur mehr Ermunterung dazu, damit die Bäuerinnenarbeit einfach sichtbarer wird.
Chemischer Pflanzenschutz und Tierwohl sind beherrschende Themen der Agrarpolitik. Sind Sie froh, dazu keine Entscheidungen treffen zu müssen?
Prinzipiell fälle ich gerne Entscheidungen. Aber darum geht es derzeit nicht. Zurzeit gibt es kein Regierungsprogramm, dafür eine interimistische Expertenregierung. Das Glyphosat- Verbot und andere Gesetze hat das Parlament mit unterschiedlichen Mehrheiten beschlossen. Ob ich darüber froh bin oder nicht, tut nichts zur Sache. Meine persönliche Meinung spielt hier keine Rolle.
Aber es gab dazu ja auch Anfragen an Sie aus anderen EU-Ländern, etwa von der dänischen Umweltministerin...
Als Naturwissenschaftlerin entscheide ich gerne faktenbasiert. Wir haben entsprechende Studien erstellen lassen und auch rechtliche Gutachten, die eindeutig sagen, dass ein nationales Totalverbot dem EURecht widerspricht. Außerdem muss das Totalverbot ja erst notifiziert werden. Das sehe ich durchaus gelassen. Je nachdem, wie die Sache ausgeht, werden wir auch die nötigen Schritte setzen.
Im Burgenland sollen künftig mit Landesmitteln nur noch Investitionen in die Bioproduktion finanziell unterstützt werden. Was halten Sie davon?
Persönlich lege ich beim Einkaufen großen Wert auf regionale Produkte und greife auch gerne zu Bioprodukten. Aber ich bin niemand, der anderen etwas vorschreiben möchte, weder den Konsumentinnen und Konsumenten noch den Bäuerinnen und Bauern. Von Vorschriften halte ich sehr wenig, gerade in diesem Bereich.

„Wir sind mitten drinnen im Klimawandel“

Stichwort Klimawandel – ist es „fünf vor oder bereits fünf nach Zwölf “? Braucht es nicht weit restriktivere Maßnahmen als etwa das Verbot von Plastiksackerln?
Wir sind mitten drinnen im Klimawandel, und sind immer öfter direkt davon betroffen. Als Expertin für Wildbach- und Lawinenverbauung erlebe ich die Veränderungen schon lange, erinnern Sie sich nur an die großen Hochwasser- und Murenereignisse der vergangenen Jahre. Es ist wichtig, dass wir gemeinsam etwas tun. Auch das Verbot der Plastiksackerl gehört dazu, weil es viel mehr bewirkt als nur die Vermeidung vieler Tonnen Plastik, nämlich ein Umdenken in der Bevölkerung. Auch wenn das nur der Beginn ist. Es ist höchste Zeit, Bewusstseinsbildung voranzutreiben.
Europaweit wird die Einführung einer CO2-Steuer diskutiert, um den Klimawandel nachhaltig entgegenzusteuern. Was spricht für, was gegen eine solche Steuer?
Wichtig wäre, dass die CO2-Steuer europaweit eingeführt wird. In Österreich alleine würde diese die Wettbewerbsfähigkeit massiv beeinflussen. Wir müssen daher in der EU alles daran setzen, dass das passiert. Ich hoffe, dass schon bald ein Umbruch passiert.
Soll die nächste Regierung das BMNT künftig wieder als „Landwirtschaftsministerium” benennen?
Ich persönlich bin der Meinung, dass mit dem Begriff Nachhaltigkeit die Aufgaben unseres Ressorts sehr gut abgedeckt werden. Ich finde die Bezeichnung super und perfekt passend.
Werden Sie nach dem Ende Ihrer Amtszeit an Ihren früheren Arbeitsplatz zurückkehren?
Das habe ich schon vor. Ich habe auch ein Rückkehrrecht. Darüber bin ich heilfroh, weil ich meine Arbeit für das Ministerium immer sehr gerne gemacht habe.

Zur Person

DI Maria Patek (60) ist seit dem 3. Juni 2019 Bundesministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus. Die gebürtige Steirerin aus Gröbming ist zweifache Mutter und lebt mit ihrem Mann in Wiener Neustadt. Nach dem Studium der Forst- und Holzwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien absolvierte sie später auch ein MBA-Studium für Public Management an der Universität Salzburg. Ab 1983 Beamtin im damaligen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, leitete sie ab 2002 bundesweit die Abteilung Wildbach- und Lawinenverbauung. Ende 2016 wurde sie Chefin der Sektion Wasserwirtschaft und später, ab Mitte 2018, Leiterin der Sektion Forstwirtschaft und Nachhaltigkeit

Frauen ins Rampenlicht

Die ARGE Bäuerinnen treibt die Gleichstellung von Bäuerinnen und Bauern in agrarischen Gremien voran. Ein erster wichtiger Schritt zur Umsetzung von mehr Chancengleichheit für Frauen und Männer: 2017 wurde am Bundesbäuerinnentag in Alpbach, Tirol, die Charta für partnerschaftliche Interessenvertretung der ARGE Bäuerinnen verabschiedet. Mit der Unterschrift der Bundesbäuerin, der neun Landesbäuerinnen, des Präsidenten der LK Österreich sowie aller LK-Präsidenten hat die Umsetzung auf Bundes- und Länderebene bereits begonnen. Vorrangig geht es dabei um ein ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern in Führungspositionen. Auch die Vereinbarkeit von Familie, Betrieb und öffentlicher Funktion soll verbessert werden. Die ARGE Bäuerinnen setzt sich ein für eine gleichwertige Beteiligung von Bäuerinnen und Bauern in allen landwirtschaftlichen Interessenvertretungen und Verbänden – ganz nach dem Motto: „Die Geschicke sollen die Besten lenken, egal welchen Geschlechts.“

Charta-Ziele:
  • Mindestens 30 Prozent Frauenanteil in Führungspositionen bei bäuerlichen Organisationen.
  • Persönliche Fähigkeiten sollen zählen, nicht traditionelle Rollenzuschreibungen.
  • Bei Tagungen ausgewogene Geschlechtereinteilung bei der Auswahl von Referentinnen und Referenten.
  • Familienfreundliche Organisationskultur, um die Vereinbarkeit von Familie und beruflichen Verpflichtungen zu gewährleisten.
  • Evaluierung der Charta-Ziele alle drei Jahre.
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